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2. Leseprobe: Auszug aus Kapitel 10

Was wettermässig am Wochenende dezent angefangen hat, setzt sich am Montag in heftigerer Form fort. Regen, Regen und nochmals Regen. Überall in der Stadt haben sich kleinere und grössere Pfützen gebildet, die sich allmählich zu einer grossen Lache vereinen. Die Abflussgullys am Strassenrand haben bereits ihre liebe Mühe die auf sie zufliessenden Bäche zu schlucken. Und ein Ende des Regens ist laut Meteorologen in nächster Zeit nicht abzusehen.
Eine in eine Regenjacke eingehüllte Gestalt stapft mit Stiefeln und Schirmmütze ausgerüstet auf dem Trottoir dem Oberstufenschulhaus entgegen. Den Blick vor sich auf den Boden gerichtet geht sie gedankenversunken ihren Weg entlang. Das herannahende Auto bemerkt sie erst, als es zu spät ist. Mit flotter Geschwindigkeit braust der Geländewagen, wie ein Schiff das Wasser teilend, rücksichtslos an der Gestalt auf dem Gehsteig vorbei.
„Stronzo!“, flucht Giorgio, als er von oben bis unten vollbespritzt dem Autofahrer den Vogel hinterherzeigend stehen bleibt. „Coglione“, verwünscht er ein weiteres Mal den Raser und betrachtet seine klatschnasse Hose. Mit dem Schicksal hadernd will er seinen Weg fortsetzen, als sein Blick an einer Hauswand ein Plakat entdeckt. Der Aushang macht auf das am Mittwoch stattfindende Schultheater aufmerksam. Aber nicht das Plakat selbst hat Giorgios Aufmerksamkeit geweckt, denn dieses war schon letzte Woche aufgehängt worden. Vielmehr ist es dieser leuchtend gelbe Flyer, der im unteren rechten Rand schräg daran geheftet worden ist.

‚Special guest: Adam the incredible violinist’

Giorgio traut seinen Augen nicht. Ungläubig liest er den Flyer zum dritten Mal, als neben ihm ein Schirm auftaucht und eine Person stehen bleibt.
„Jetzt ist er wohl vollkommen übergeschnappt“, vernimmt er eine ihm bekannte Stimme.
Giorgio schüttelt nur den Kopf und meint zu der neben ihm stehenden Saba: „Das kannst du laut sagen. Hast du etwas davon gewusst?“
„Nein, wie sollte ich auch. Wir haben uns letzte Woche verkracht. Er meinte, dass ihm seine Geige wichtiger sei als unsere Beziehung!“
„Das ist aber nicht wahr?“, meint Giorgio erstaunt.
„Doch, leider schon“, entgegnet ihm Saba traurig, die offensichtlich unter der Trennung leidet. „Aber was sollte ich auch machen? Er geht mir seither bewusst aus dem Weg.“
„Tut mir leid für dich Saba. Nur, ich glaube nicht, dass er dir aus dem Weg geht. Ich habe vielmehr das Gefühl, dass er neben seiner Geige überhaupt niemanden mehr wahr nimmt. Auch heute Morgen, als ich ihn wie üblich abholen wollte, teilte mir seine Mutter mit, dass er bereits ausser Haus sei. Das hat es noch nie gegeben. Seit er diese Geige gefunden hat, ist er einfach nicht mehr der Gleiche. Der spinnt vollkommen!“
Saba seufzt: „Ich weiss auch nicht, was mit ihm los ist. Aber ich habe ein ganz ungutes Gefühl.“
Schweigend setzen sie ihren Weg fort. Giorgio hakt sich bei Saba unter dem Schirm ein. Beide sind froh, dass sie mit ihrer Besorgtheit um Adam nicht alleine dastehen.
„Hat er dir auch erzählt, dass die Geige mit ihm spricht?“, nimmt Saba das Gespräch wieder auf.
„Madonna, ja“, ereifert sich Giorgio. „Saba, ich sage dir, diese Geige ist des Teufels.“
„Das heisst also, dass du ihm glaubst?“
„Ich weiss langsam nicht mehr, was ich glauben soll. Aber es ist doch recht merkwürdig, wie Adam sich in letzter Zeit verändert hat. Ich sage dir, da geht nicht mehr alles mit rechten Dingen zu.“
„Giorgio, das kann doch gar nicht sein. Ich meine, diese ganze Geschichte tönt so unheimlich. Können wir denn gar nichts unternehmen?“
Giorgio zuckt mit den Schultern: „Am besten warten wir erst einmal seinen Auftritt ab und danach können wir immer noch schauen, ob wir etwas unternehmen sollen.“
„Tja, da hast du wahrscheinlich recht“, meint Saba bedrückt. „Übrigens Giorgio, wieso bist du so nass?“
„Und das kommt auch noch dazu“, wettert der kleine Secondo. „So ein cretino von einem Autofahrer hat mich beim Vorbeifahren vollgespritzt. Dieser ...“
„Calma Giorgio“, versucht ihn Saba schmunzelnd zu beschwichtigen.
Aber Giorgio fährt fort: „Ach, ist doch wahr. Das passt so richtig zum heutigen Tag – was für ein verschissener Wochenbeginn!“
Saba muss lachen. Zum einen über Giorgios Verhalten, zum anderen aber auch aus Erleichterung, dass die düsteren Gedanken fürs Erste in den Hintergrund verdrängt worden sind.

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letzte Aktualisierung dieser Seite: 17 September, 2011

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