ADAM - das Projekt

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1. Leseprobe: Auszug aus Kapitel 1

„Hallo Adam!“
Adam Conradi bleibt verdutzt stehen. Da hat ihn doch eben jemand angesprochen. Weil er niemanden in seiner näheren Umgebung entdecken kann, betrachtet er verblüfft seinen Discman. Jetzt hat er diese CD, seine Lieblings-CD, doch schon hundert Mal gehört, doch noch nie hat Bon Scott von den AC/DC bei ‚T.N.T.’ „Hallo Adam“ gesungen.
Verwundert schüttelt er seinen Discman – doch alles scheint normal.
‚T.N.T. I’m dynamite ...’
Er nimmt seine Kopfhörer ab und untersucht sie von den Ohrmuscheln über das Kabel bis zum Anschluss beim Gerät – nichts.
Nichts, was abnormal wäre. So sieht es zumindest aus. Vielleicht hat er sich alles auch nur eingebildet? Aber dennoch, da war doch diese tiefe, ruhige Stimme, die ihn ganz deutlich angesprochen hatte. Und zweifellos kann nur er damit gemeint gewesen sein, denn weit und breit ist sonst keine Menschenseele auszumachen. Nicht einmal eine Katzen- oder Hundeseele kann Adam entdecken.
„Dann wird das wohl eine Sinnestäuschung gewesen sein“, versucht er sich selber zu beruhigen.
Adam zuckt mit den Schultern und will weitergehen.
‚Cause I’m T.N.T. …’
„Hey Adam!“
Dieses Mal fährt Adam richtiggehend zusammen.
Da ist sie wieder – die gleiche Stimme, wie vorher. Und dieses Mal ist es garantiert, also mit an Unendlichkeit grenzender Wahrscheinlichkeit, keine Einbildung.
Erneut untersucht Adam sein Abspielgerät - und wieder nichts.
Adam ist ein Junge, wie jeder andere in seinem Alter. Von der Statur her normal gebaut und auch vom Verhalten her unterscheidet ihn nichts von einem anderen pubertierenden Sechzehnjährigen. Vielleicht ist er momentan ein bisschen ausgeflippt und zur Zeit auf dem AC/DC-Trip, aber das ist ja weiter nichts Ungewöhnliches.
Im jetzigen Augenblick jedoch stellt Adam seine Normalität in Frage und kratzt sich verwirrt am Kopf.
„Aadaaam ...“
Jetzt hätte er fast seinen Discman, den er von seinen Eltern dieses Jahr auf den Geburtstag bekommen hat, und der ihn seit da an überall hin begleitet, fallen gelassen. Mit Glück kann er das Gerät im letzten Moment vor einem Aufprall auf dem Boden noch auffangen.
Diese jetzt schon etwas ungeduldiger klingende Stimme scheint irgendwo von rechts zu kommen. Forschend richtet Adam seine Augen in jene Richtung, in welcher er sie vermutet. Aber da ist nichts ausser einem Haufen Gerümpel, den die Bewohner des dahinter liegenden schmucken Einfamilienhauses für die heute kommende Sperrgut-Abfuhr auf dem Trottoir bereit gemacht haben.
Adam entdeckt zwei Stühle mit defekter Rückenlehne – eine alte Matratze, die vor lauter Löcher und von wo auch immer herkommenden Verfärbungen, fast nicht mehr als solche zu erkennen ist – einen Suppentopf, der offenbar wegen eines missratenen Risottos, dessen verkohlte Überreste noch immer auf dem Boden sichtbar sind, als Opfer des Kochs herhalten musste – ein paar zerschlagene Teller und Tassen – diverser Hausratsmüll, der ganz dem Trend der heutigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten, dem Allerneusten weichen musste – ein alter Geigenkasten...
Adam muss beim Anblick des Geigenkastens verschmitzt lächeln. Die Erinnerung an einen Film findet den Weg zurück in den aktiven Teil seines Gedächtnisses. Die Situation, als ein Bankräuber statt der obligaten und allgemein erwarteten Maschinenpistole versehentlich das eigentlich auch dazu gehörende Instrument im Violinkasten vorfand, und nichtsdestotrotz mit jener cool die Herausgabe des Geldes vom Bankangestellten erzwingen wollte, war einfach zu komisch.
„Vielleicht befindet sich dafür ja in diesem Kasten eine Maschinenpistole“, denkt sich Adam vergnügt.
Amüsiert über diesen Gedanken will er den Rest des Müllhaufens untersuchen. Doch wie von magischer Kraft angezogen bleiben seine Augen immer noch an diesem Instrumentenkasten haften.
„Na endlich ...“
Jetzt bestehen keine Zweifel mehr, die Stimme, die offensichtlich den Kontakt mit Adam sucht, kommt aus diesem Kasten.

Ganz langsam, aber fasziniert von der Situation, nähert sich Adam dem besagten Objekt. Etliche Gedanken schiessen ihm gleichzeitig durch den Kopf: ein sprechender Geigenkasten - Maschinenpistole - Violine - AC/DC - Gefahr - Sherlock Holmes löst einen Fall - Akte X - klassische Musik - Paganini, der Teufelsgeiger ...
Adam schüttelt den Kopf und zieht seine bereits ausgestreckte Hand wieder zurück.
„Das glaubst du ja selber nicht, was du hier vorzufinden glaubst“, ermahnt er sich selber. „Sprechende Gegenstände gibt es nur im Märchen!“
Und um sich zu vergewissern, dass er mit beiden Beinen in der Realität steht, kneift er sich in die Backe.
„Autsch!“ – Es hätte ja nicht gleich so stark sein müssen.
Über sich selber lachend dreht er sich um und will, den Discman mit seiner momentan bevorzugten CD einschaltend, wieder seinen Weg fortsetzen. Schliesslich ist er ja mit Saba verabredet. Saba, die eigentlich Eusebia getauft wurde, aber verständlicherweise von allen nur Saba genannt wird, ist seit gut fünf Wochen Adams Freundin. Eigentlich ist sie sogar seine erste richtige Freundin. Denn bis anhin waren seine Freundinnen vor allem dazu da, um bei seinen Kollegen angeben zu können. Natürlich hat er von Sabas Vorgängerinnen auch profitiert. So konnte er zum Beispiel, als er mit Saba zusammenkam, bereits den Zungenkuss als Erfahrung mitbringen. Doch dass bei einer Liebe der ganze Gefühlshaushalt verrückt spielen kann, das hat er erst in der Zeit seit er mit Saba zusammen ist, kennengelernt.
Voller Vorfreude auf das Treffen mit seiner Liebsten versucht Adam seinen Blick vom Geigenkoffer abzuwenden. Doch die Neugierde und die Faszination von etwas Unbekanntem lassen sich eben nicht so einfach auf die Seite schieben, wie er sich das vorgestellt hat.
„Ich könnte ja trotzdem noch kurz einen Blick in diesen Koffer werfen. Das schadet bestimmt nicht. Einfach so, nur um die Bestätigung zu bekommen, dass ich mir das alles nur eingebildet habe“, denkt er sich und ist bereits wieder von der magischen Anziehungskraft dieses Kastens gefangen.
Auf den ersten Blick sieht dieser Instrumentenkoffer, der zum Schutz in eine beige, ziemlich alte und auch dementsprechend aussehende Hülle eingepackt ist, ganz normal und unspektakulär aus. Genau so, wie ein Geigenkasten eben auszusehen hat. Oder doch nicht ganz? Irgendetwas scheint an dieser abgewetzten Stoffhülle speziell zu sein. Nur weiss Adam dieses ungewisse Gefühl nicht richtig einzuordnen.
Und so ist Adam auf alles gefasst, als er mit übergrossem Respekt die Schutzhülle einmal ganz kurz berührt: auf einen Stromschlag, auf einen Mund, der sich öffnet und Zähne entblösst, die ihm in den Finger beissen oder dass sich der Kasten als Hologramm herausstellt und dann urplötzlich verschwindet – aber nichts geschieht.
Nach wie vor liegt der Kasten unverändert an seinem ursprünglichen Ort.
Etwas mutiger und wesentlich ruhiger öffnet Adam den Reissverschluss der Stoffhülle. Ein Schloss unter dem Traggriff und zwei Verschlussschnallen links und rechts davon kommen zum Vorschein. Behutsam lässt er das Schloss aufspringen und klappt die beiden Schnallen nach oben.
Noch einmal atmet Adam tief durch und öffnet dann mit geschlossenen Augen den Koffer.
„Na also Adam, das war doch wirklich nicht so schlimm, oder? Herzlich willkommen in der Welt der Violinisten!“
Obwohl Adam auf eine Reaktion dieses mysteriösen Kastens gefasst gewesen ist, erschrickt er trotzdem ein wenig, als er erneut die Stimme vernimmt.
Erst öffnet er nur das eine Auge, kurz darauf das andere. Doch was er sieht, ist keine Maschinenpistole und kein sprechender Kopf, sondern eine kommune hölzerne Geige. Fast enttäuscht betrachtet er das Instrument etwas genauer. Der Lack ist zwar ein wenig abgeblättert und nicht mehr ganz so glänzend, aber ansonsten sieht sie tadellos aus. Sogar alle vier Saiten sind noch aufgespannt.
Dass eine Geige vier Saiten besitzt, weiss Adam aus dem Musikunterricht in der Schule. Zufälligerweise hatte er für einmal, als der Lehrer die Streichinstrumente mit der Klasse durchgenommen hatte, seine Gedanken nicht irgendwo anders. Denn normalerweise interessieren ihn diese Unterrichtslektionen überhaupt nicht. Streich- und auch Blasinstrumente sind für ihn so öde, wie diese klassische Musik. Seine Welt sind die AC/DC und der Heavy Metal – da geht die Post ab!
Und nun steht er also vor so einem uncoolen Instrument und kann nicht verstehen, wieso er trotzdem so fasziniert ist von diesem Ding. Gut, es spricht – aber trotzdem!
Dennoch findet Adam seine Fassung relativ schnell wieder und spricht zu seiner eigenen Überraschung mit fester Stimme: „Also gut, du weisst also, dass ich Adam heisse. Aber darf ich vielleicht auch erfahren wer oder was du bist?“
„Ich bin ein Geigenkasten mit einer Geige!“
„Das sehe ich auch selber“, entgegnet Adam der Stimme immer noch etwas enttäuscht. „Aber was bitte willst du von mir?“
„Spiele auf meiner Geige!“
„Ich und auf einer Geige spielen, so weit kommt es noch! Hast du wenigstens einen Verstärker?“
„Ha, ha, ha ...“, die Stimme aus dem Kasten muss zu Adams Überraschung herzhaft lachen. „Spiel auf meiner Geige und du wirst sehen, dass eine Geige gar nicht so uncool ist, wie du dir das vorstellst!“
„Du machst dich über mich lustig“, langsam beginnt sich Adam zu amüsieren. Natürlich reizt es ihn einmal auf diesen Saiten herumzukratzen, auch wenn er sich das selber nicht gerne eingesteht. Und so gibt er sich ganz ruhig und lässig, als er der Stimme antwortet: „Aber wenn du unbedingt willst ... Doch ich warne dich. Ich will nämlich nicht schuld sein, wenn du wegen meiner Katzenmusik Bauchkrämpfe bekommst – falls das bei dir überhaupt möglich ist.“
„Dieses Risiko gehe ich ein. Mach dir deswegen keine Sorgen. Ich werde dir mit Rat und Tat zur Seite stehen – oder besser gesagt liegen!“
Die Stimme kichert leise vor sich hin, offenbar amüsiert sie sich köstlich über ihre eigenen Witze. Und auch Adam muss jetzt lachen. Dieser Kasten hat wirklich Humor.

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letzte Aktualisierung dieser Seite: 17 September, 2011

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